Von Oliver Fritsch
Ein Clip für Nostalgiker und Minimalisten. Also mich. Diese acht Sekunden Film kommen ohne jeden Schnörkel aus, nicht mal der Torjubel lenkt uns Zuschauer vom Wesentlichen ab. Allenfalls die Fanfare im Hintergrund zeugt von einem – maßvollen – Willen zur Verzierung. Überhaupt der Ton: So beiläufig und uninszeniert die Sache insgesamt wirkt, so kann einem die präzise akustische Rhythmisierung nicht entgehen. Der Dreiklang aus weiblichem, sanften Ansporn, männlicher, heftiger Empörung und gemeinsamem, ekstatischem Torjubel ahmt perfekt die Triole aus Pass, Foul und Tor nach. Höchste Fußballvideokunst. Aber auch der reine Amateurfußball vor Dorfkulisse.
Schwer zu sagen, in welchem Jahr das Spiel stattfand. Den Trikots und den engen Hosen zufolge könnten es die 80er sein; vermutlich ist der Clip aber viel jünger. Ich glaub, ich hab ihn mittlerweile hundert mal gesehen – und fast so oft weitergeleitet.
Von Oliver Fritsch
Fußball-Pop, der Clip könnte auch auf MTV laufen. Dieser Ausschnitt hat etwas Alternatives und etwas Konventionelles. Alternativ sind das Szenario, eine Art Parkplatz mit Torwand-Graffiti, aber auch die Hose des Schützen, eine No-Name-Marke. Vor allem aber die experimentelle Bildführung, die nur das Wesentliche, Bein, Ball und Ziel, ins Visier nimmt. Konventionell hingegen sind die Schuhe, die altdeutsche Drei-Streifen-Marke, die das Establishment repräsentiert. Konventionell ist ebenso die reine Technik: Das Standbein zeigt die Richtung an, das Schussbein (links!) schwingt durch bis in die Waagerechte; der Ball kann gar nicht anders als ohne Holzkontakt durch die Torwand zu segeln. Das ist deswegen konventionell und ein Gegensatz zum Alternativen, also zum Sanktpaulihaften, weil das Sanktpaulihafte ja immer etwas Antifußballerisches hat. Die Jungs, die aufm Bolzplatz oder im Schwimmbad mit den braunen Totenkopfhemden zum Kick erscheinen, haben ja meist nur ein Gelenk im Körper und Bügeleisen statt Füßen.
In diesem Clip aber gehen Alt und Neu, Klassik und Romantik, Alternative und Konvention, St. Pauli und Bayern München, eine formvollendete Symbiose ein. Ich glaube, das meinten diese komischen Franzosen mit Postmoderne.
Von Oliver Fritsch
Das Video ist deswegen so bemerkenswert, weil es mir in einer Jahre dauernden (und ergebnislosen) Diskussion zwischen mir und einem ehemaligen Spielausschussmitglied in die Karten spielt. Es geht um folgendes: Er behauptet, ich würde meine Abwehr überfordern, indem ich von ihr einen ruhigen Spielaufbau verlange; das sei zu riskant, weil daraus zu viele Ballverluste und Gegentore resultieren. Seine Aufforderung, die er geschätzte 30 mal pro Halbzeit ins Spiel ruft, lautet: „Schlagen!“ Nach dem Motto: Hinnerum wird net gefutschelt! Mal abgesehen davon, dass ich gar nicht ständiges Kurzpassspiel von meinen Verteidigern fordere, entgegne ich aber immer: Selbst der Befreiungsschlag kann zur Gefahr werden, wenn er in Bedrängnis gespielt wird – so wie in dem vorliegenden Video. Hätte der Angespielte (in weiß) den Ball abgeschirmt oder zu seinem Mitspieler (Libero oder linker Verteidiger) gepasst, wäre erstmal nichts passiert. Doch sein Versuch, einen langen Ball aus der Gefahrenzone zu spielen, hat den Gegner erst in günstigste Position gebracht. Schon hats geklingelt, und der Ball liegt keine halbe Minute später wieder am selben Ort.
Nebenbei zeigt der Clip natürlich Amateurfußball at its best: Kulisse, Stimmung, Raunen, Jubel, Bratwurst. Wäre ich gerne dabei gewesen.