Die Nationalmannschaft gilt als inzwischen als Leitbild des deutschen Fußballs, auch dank Joachim Löw, der in Presse und Öffentlichkeit einen sehr guten Ruf genießt. Doch hätte es Jürgen Klinsmann nicht gegeben, hieße der Bundestrainer heute wohl anders, und die ganze Sache wäre ohnehin anders verlaufen.
Gerade anderthalb Jahre ist es her, dass ein Kollege auf der Pressekonferenz nach der heftigen 1:4-Niederlage in Italien drei Monate vor der WM in Deutschland dem damaligen Nationaltrainer Jürgen Klinsmann die Idee mit auf den Weg gab, das Abwehrsystem zu ändern: „Warum nicht wieder mit einem Libero spielen?!“ Er fügte an: „Es ist ja nicht so, dass ich keine Ahnung hätte, ich hab ein Sportdiplom.“ Bekanntlich hat Klinsmann, sicher nach reichlicher Erwägung, diesen gut gemeinten Rat aus dem Fußballholozän verworfen.
Inzwischen, rund zwanzig, zum Teil erhabene, zum Teil berauschende, Siege und ein Sommermärchen später, hat sich die Nationalelf vom Sorgenkind zum Musterschüler gewandelt. Ihr Stil, ihr Spiel, ihre Trainingsmethoden, ihre Erziehung – sie ist das Leitbild für den deutschen Vereinsfußball. Fast ohne Widerspruch, aus der Bundesliga sind immer seltener Neururerismen à la „das haben wir schon vor dreißig Jahren so gemacht“ zu vernehmen.
Der kluge, in Fußballmaßstäben sehr kluge, Joachim Löw wird heute bestaunt und bewundert. Und es stimmt ja: Das sieht gut und souverän aus, was Schweinsteiger, Klose und Hitzlsperger da machen; Deutschland wird als Mitfavorit zur EM reisen. Doch an dieser Entwicklung ist auch Löws Vorgänger beteiligt. Klinsmann hat den entgleisten deutschen Fußball mit seinem Sturm und Drang zurück auf die Schiene gehievt – eine große, herkulische Leistung, für die er sich in seiner Amtszeit mehrfach ans Schienbein treten lassen musste und die ihm die Fachwelt heute nicht genug dankt. Jüngst musste er sich (und übrigens auch Löw) von der FR nachsagen lassen, dass er für die WM „Raubbau am Kräftereservoir vieler Spieler betrieben“ habe. Als ob er nicht durch seine Fitness-Methoden manche Spieler, etwa Bernd Schneider, auf ein besseres Niveau gehoben hätte.
Auch an der Basis wird Klinsmanns Werk nicht gänzlich gewürdigt. Neulich sprach ich nach einem Kreisligaspiel am Bierpils mit einem Bekannten, es war der Präsident des Gegners, über dies und jenes. Er, übrigens im Trikot einer argentinischen Klubmannschaft erschienen, erzählte, dass er dem Autoren eines Fußballbuchs, in dem die fünfzig besten Trainer aller Zeiten portraitiert sind, einen Brief geschrieben habe, um sich zu beschweren, dass Klinsmann darin aufgenommen ist und andere Carlos Bilardo, der argentinischen Weltmeistertrainer von 1986, beispielsweise nicht. „Ein dritter Platz bei einer Heim-WM ist ordentlich, mehr nicht!“, begründete er, mir zuprostend, seine Klage. Mal abgesehen davon, dass es für Klinsmann vielleicht zum ersten Platz gereicht hätte, wenn ihm die Fifa (oder waren es die Italiener, die Argentinier, gar alle drei?) im Halbfinale gegen Italien nicht Torsten Frings genommen hätte – ich war gerne dazu bereit, mich mehrere Schoppen lang mit ihm darüber zu streiten, dass seine Definition von Trainer zu eng sei. Warum soll man einen Trainer nicht mal daran messen, was er erstens „politisch“ bewirkt – Stichwort Leitbild – und zweitens was er seinem Nachfolger hinterlässt? Löw nämlich ein sicheres Fundament und die Möglichkeit, mit amerikanischen Fitnesstrainern, einem Psychologen und einem Experten aus der Schweiz zusammenzuarbeiten, ohne dass die Patrioten vom Stammtisch hsyterische Schreianfälle bekommen.
Doch das Trainer-Bild in Deutschland wandelt sich langsam – dank Klinsmann und Löw, die sich zueinander verhalten wie Revolution und Evolution. Gefragt ist nun weniger der Zampano an der Seitenlinie, sondern der smarte Pädagoge, der seine Spieler ganzheitlich erzieht. Ich weiß auch nicht, warum ich dabei an Lothar Matthäus denke, über den das Fußballmagazin „11 Freunde“ in seiner aktuellen Ausgabe eine selten belanglose Story geschrieben hat, in der es versucht, zu beantworten, warum Matthäus keinen Trainer-Job in der Bundesliga findet: dass er sich von seinem Mentor Franz Beckenbauer, der ihn gerne irgendwo unterbringen möchte, lossagen solle, raten ihm die Autoren. Das mag sein, doch entscheidende ist: weil ein Trainer solcher Sorte nicht mehr gebraucht wird. Überall, wo er gearbeitet hat, verursachte Matthäus nur kurze Zeit Erfolg; nie hat er eine Entwicklung in Gang gesetzt, die sein Ende überdauerte; viele seiner ehemaligen Spieler und Vorgesetzten rufen ihm „bleib da, wo Du bist!“ hinterher.
Erst die Geschichte wird Klinsmann seinen verdienten Platz zuweisen. Zur Erinnerung: Löw ist Klinsmanns Wahl. Nicht auszudenken, der DFB hätte bei der Wahl des Bundestrainers auf Kaiser Franz gehört!
#2 meiner Kolumne auf stern.de
Tags:
Joachim Löw, Jürgen Klinsmann, Lothar Matthäus, Franz Beckenbauer, Nationalmannschaft, 11 Freunde
14.09.2007
um
16:02h
von Oliver Fritsch
Richtig! Nichts hinzuzufügen.