Was mir fehlt: der aktive Fußball, mein alter Verein, der RSV Büblingshausen. Was mir bleibt: die Erinnerung an den Aufstieg im vorigen Jahr – und an ein besonderes Spiel. Mein letztes als Spielertrainer. Oh, klingt das sentimental ... Andererseits, Fußballer werden mich verstehen. Fußballer sind sentimental. Er bedeutet uns halt alles.
Welches Spiel denn? Am 26. September 2008 spielten wir in der Kreisoberliga Wetzlar/Dillenburg bei der SG Reiskirchen/Niederwetz. Tabellenführer gegen Aufsteiger. Und: Mit beiden Vereinen bin ich als Spielertrainer aufgestiegen. Mit der SG zwei Jahre zuvor. Ein irrer Verein (genauer: eine irre Spielgemeinschaft). Da kommen schon mal 250 Zuschauer und mehr – und jeder hat seine Meinung. Ein Jahr Trainersein dort sind sieben Menschenjahre. Daher war nach drei Jahren Schluss. Trotz Aufstieg, der mit einer mehrwöchigen Feiertour besiegelt wurde. Plan: Karriereende, doch im Januar 2007 konnte ich meinen Freunden aus Büblingshausen nicht absagen, die einen Trainer suchten. In der Rückrunde gings von Platz 11 auf 15. In der neuen Saison wurden wir mit sieben Vorsprung und vorzeitig Meister, vor allem mit jungen Spielern. Unsere reine Raumdeckung war ein Alleinstellungsmerkmal, damit kamen wenige zurecht.
Für dieses Spiel in Niederwetz muss ich mich bei meiner Mannschaft jedenfalls bedanken. Normalerweise spielt ja niemand für seinen Trainer, sondern erst mal für sich selber. Aber dieses Mal darf ich das große Engagement des Teams ein Stück auf meiner Habenseite verbuchen. Das Spiel war natürlich etwas Besonderes für mich: Erstens war es mein letztes Spiel als RSV-Trainer. Zweitens ging es gegen meinen Ex-Klub. Fußballer oder Fußballtrainer, die bestreiten, dass das etwas Besonderes sei, flunkern.
Kurzum, ich hätte es geliebt, sie zu schlagen. Das sind genau die Worte, die ich vor dem Spiel in der Kabine sagte. Und meine Jungs gaben noch ein bisschen mehr als sonst. Dass es zu einem Unentschieden gereichte, muss man als Fast-Sieg werten, weil wir 0:2 zurücklagen. Wer hätte zwischenzeitlich noch auf uns gewettet?
Es war ein „Eier“-Spiel, und die dicksten hatte wieder mal Aki Laband, unser polnischer Strauchdieb. Er ist ein Typ, den man gar nicht oft und fest genug in den Arsch treten kann. Doch in der Aufstiegssaison hat er als A-Jugendlicher über 30 Tore geschossen. Und diesmal? In der 86. Minute verschießt er bei 1:2 einen Elfmeter, fünf Minuten später, also in der Nachspielzeit, greift sich dieser Teufelskerl wieder den Ball, legt ihn auf den Punkt und haut ihn rein. Auch der Rest hat sehr mannhaft gespielt. Auch von der SG hab ich mich standesgemäß verabschiedet. Damit meine ich nicht die Kirmes (weswegen das Spiel Freitagabend stattfand) und auch nicht das gemeinsame Duschen mit vierundzwanzig 0,33er-Sportkameraden, sondern mein, wie es dem Abgang eines Großen entspricht, Eigentor in der ersten Halbzeit: Kopfball aus zwölf Metern über den Scheitel in den Winkel verlängert.
Keine Woche her, dass ich mit feuchten Augen an dieses Spiel zurückgedacht habe.
Seit Oktober bin ich in Hamburg. Aus beruflichen Gründen, ich arbeite für die Sportredaktion von Zeit Online. Super Sache! Dennoch hätte ich gerne mein Werk in Büblingshausen fortgesetzt. Nach schwierigem Start in die neue Liga im August 2008 blieben wir sodann sieben Spiele ungeschlagen, holten zwei Unentschieden bei Aufstiegskandidaten. Ein zwei Jahre in der Liga etabliert, hätten wir sicher wieder oben angreifen können. Der RSV macht tolle Jugendarbeit, zum Teil standen fünf A-Jugendliche auf dem Feld. Da kann man was aufbauen.
Hartplatzhelden fanden die Jungs, aber auch die Leute aus dem Verein eine tolle Idee. Die Klage und das Urteil kann keiner verstehen. Das, was Aki Laband dazu sagt, darf ich hier nicht zitieren. Ob ich noch beim RSV geblieben wäre, wenn der Prozess nicht dazwischen gekommen wäre? Kann schon sein.
Man kann Prozesse in dritter Instanz gewinnen, wenn man die ersten zwei verloren hat. Man kann ja auch mit Viererkette Meister in der Kreisliga werden.
Hier gibts alle meine Spielberichte dieser Saison, hier die Stenogramme.
Hier zwei Videos:
So rockt meine Mannschaft: ein sauberer Treffer vom famosen Peter Flink auf feinem Zuspiel von Tim Nowak. In roten Schuhen: unser Torjäger Aki Laband.
Mit höhgschder Disziplin - das bin ich in der Pause beim Vorbereitungsspiel gegen die klassenhöhere Mannschaft aus Münchholzhausen/Dutenhofen (Endstand 2:0 für uns).