Ab August wird der Amateurfußball ein Problem hinzubekommen: den neuen Bundesliga-Spielplan. Der Plan sieht vor, dass sonntags um 15.30 Uhr ein Spiel der Profis stattfinden wird. Doch Sonntag von 15 bis 16.45 Uhr ist die Kernzeit des Amateurfußballs, seit Jahrzehnten. „Der Sonntag gehört den Amateuren“, ein ursprüngliches Motto des DFB, gilt schon lange nicht mehr.
Eigentlich hätten die Amateurvereine längst protestieren müssen, doch es blieb bei leichtem Murren. Als der neue Plan im Dezember 2008 verkündet wird, entscheiden sich Reiner Grundmann (56), Vorsitzender des Gelsenkirchener Kreisligisten SC Schaffrath, und Norbert Bauer (59), der Vorsitzende des benachbarten Verbandsligisten SSC Buer, zu handeln. Grundmann gelingt es, seine Ligakonkurrenz zum Streik aufzurufen. Inzwischen hat sich der gesamte Fußballkreis 12 Gelsenkirchen / Gladbeck / Kirchhellen dem Protest angeschlossen.
Der erste Spieltag nach der Winterpause sollte boykottiert werden, stattdessen wurde demonstriert. Hermann Korfmacher, Präsident des Westdeutschen Fußball- und Leichtathletikverbandes und als DFB-Vize Verantwortlicher für die Amateure, hat den Spieltag jedoch mi nicht, dir nichts verlegt. „Ein Streik ist keine Lösung.“ Ein Streik gehört sich nicht!, soll das wohl heißen. „Man will uns den Triumph nehmen“, sagt Grundmann. Doch inzwischen befasst sich sogar der Bundestag mit dem Thema - und liest den Offiziellen kräftig die Leviten.
Widerspruch kennt der DFB nicht, entsprechend unvorbereitet reagiert er auf die Kritik von Unten. Er droht mit Geldstrafen und Punktabzug. Im Gespräch mit den Aufständischen soll Präsident Theo Zwanziger gesagt haben, sie müssten flexibel sein, sie könnten ja auch unter der Woche spielen. Nach dem Motto: Wenn Weltstars wie Franck Ribéry die Bundesliga verlassen müssen, sind die Amateure schuld.
Grundmann und Bauer leisten seit drei Jahrzehnten ehrenamtliche Vorstandsarbeit. Wenn es sein muss, sitzen sie vor dem Spiel am Kassenhäuschen oder bringen den Gästeteams in der Halbzeit drei Flaschen Wasser. Es geht ihnen zwar auch ums Geld, denn wenn Schalke 04 sonntags ein Heimspiel hat, kommen weniger Zuschauer nach Schaffrath und Buer. Doch was die Klubs mindestens genauso fürchten, ist der Verfall ihres Vereinslebens. Sonntagabend ist das Klubheim oft leer. Die dritte Halbzeit, oft die schönste im Amateurfußball, fällt aus.
Wenn der deutsche Fußball wieder mal ein Nachwuchsproblem erkennt, nimmt er die Amateurvereine in die Pflicht. Der DFB hält Sonntagsreden auf sie, Macht gesteht er ihr nicht zu. „Unsere Vertreter aus dem Verband schützen uns nicht“, klagt Bauer. „Manche geben uns hinter vorgehaltener Hand Recht, mucken aber nicht auf. Es gibt wohl einige, die noch Karriere machen wollen.“
Auf einem Kongress Anfang Februar bezeichnete DFL-Chef Christian Seifert den Protest als „Sturm im Wasserglas“. Der DFL ist im vorigen Jahr das Kartellamt mit einer fragwürdigen Intervention dazwischengekommen. Das könnte dem deutschen Profifußball einen neunstelligen Betrag im Jahr kosten, denn der Vertrag mit Leo Kirch garantierte mindestens 500 Millionen pro Jahr (im Vergleich mit durchschnittlich 412 Millionen pro Jahr durch den aktuellen Vertrag.) Also habe man sich gezwungen gesehen, den Spieltag zu zerfleddern, um Premiere entgegenzukommen. Nur so ließen sich angeblich mehr TV-Millionen einnehmen.
Mal abgesehen davon, dass der Deal mit dem Pleitier Leo Kirch ein großes Risiko gewesen wäre (Stichwort Refinanzierbarkeit in der Weltkrise), mal abgesehen davon, ob es langfristig eine gute wirtschaftliche Strategie ist, Amateur- und Profifußball gegeneinander antreten zu lassen, und mal abgesehen davon, dass der deutsche Fußball in der Vermarktung extrem unkreativ ist (von den Möglichkeiten des Internet beispielsweise hat niemand einen blassen Schimmer) – dürfen sich DFB und DFL einfach so über den Amateurfußball hinwegsetzen? Oder ist das den meisten Vereinen und Spielern egal, was die Bundesliga macht? Mich interessiert Eure Meinung. Kommentiert unten, bitte aber wie immer sachlich.
Ein paar Pressereaktionen, es verlangt Hans-Jürgen Irmer, Vorsitzender von Eintracht Wetzlar und CDU-Hardliner, "mehr Demokratie im DFB", und hier stehen noch ein paar Zeilen in der Zeit.
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