Saufen ist Konformismus

„Nirgendwo wird so viel getrunken und geraucht wie im Fußball“, fasst der Sportwissenschaftler Wolf-Dietrich Brettschneider verschiedene Studien zusammen. Was die Wissenschaft so alles rausfindet! Für jemanden, der schon mal einen Klub trainiert hat, der in seiner Umkleidekabine einen Quadratmeter von der Fußbodenheizung ausgelassen hat, wo das Bier hingestellt wird, für mich also, bricht jedoch keine Welt zusammen, wenn ihm dieser Befund unterbreitet wird.

Fußball und Alkohol passen zusammen (siehe auch FAZ v. 2.3.07); mit den Vokabeln dritte Halbzeit, Mannschaftsfahrt und Weißbierdusche können viele Fußballer mehr anfangen als mit Pressing und Hinterlaufen. In nicht wenigen Amateurvereinen wird von einem Trainer erwartet, dass er ab und an seinen Jungs eine Kiste spendiert und auch die Anschlussofferten nach dem Spiel nicht scheut. Autoritätsverlust, den man Thomas Doll nachsagt, weil er auch schon mal mit seinen Hamburger Spielern nachts an der Theke gesessen haben soll, braucht der Bezirksliga-Coach nicht zu fürchten, wenn er als Letzter das Kirmeszelt verlässt.

Auch viele Vereinsvorstände und Helden von gestern fördern und fordern diese soziale Praxis. Da gilt noch die Vorstellung, dass es eine Mannschaft zusammenschweißt, wenn sie zusammen säuft. Abstinenz ist abweichendes Verhalten. Ich hab schon oft den Satz „man muss ja nicht unbedingt Bier trinken“ mit einem Ton gehört, der Toleranz ausdrücken soll. Toleranz gegenüber den Wassertrinkern, wohlgemerkt. Nach dem Spiel und nach dem Training sind Bier, Zigaretten und auch mal ein Schnaps die Norm. Übrigens, mit einer Mischung aus Bigotterie und Spießigkeit lehnen dieselben Leute, die den Vollrausch anerkennend goutieren (wenn nicht gar finanzieren), das Kiffen ab.

Die Fußballgeschichte kennt so manche hochprozentige Anekdote, etwa die des Trainers Max Merkel: „Im Training habe ich mal die Alkoholiker meiner Mannschaft gegen die Antialkoholiker spielen lassen. Die Alkoholiker gewannen 7:1. Da war’s mir wurscht. Da hab i g’sagt: Sauft’s weiter!“ Wobei das Interessante an dieser Story nie erwähnt wird, nämlich das Zahlenverhältnis zwischen den beiden Gruppen. War das ein Spiel 13 gegen 4? Der alkoholkranke Trainer Branko Zebec soll mal während eines Elfmeters für den Gegner aus seinem Nickerchen aufgewacht sein und sich nachher bei seiner Mannschaft beschwert haben: „Wie kann der Mann so frei zum Schuss kommen?“ Und Werner Biskup, ehemaliger Trainer von Hannover 96, wurde angeblich nach seiner Amtszeit im Stadtpark gesehen, wie er Bäumen taktische Anweisungen gab. Also war Mario Baslers Koketterie mit Alkohol und Zigaretten, mit der er gerne seinen Mut und seine Unangepasstheit beweisen wollte, in Wahrheit Ausdruck seines Konformismus. Gratismut. Langweilig! Ein Bekenntnis zur Homosexualität – das wäre im Fußball ein Tabubruch. Oder selbst das „Geständnis“, sich von einem Sportpsychologen helfen zu lassen.

Allerdings scheint der Suff im Zeitalter der Professionalisierung im bezahlten Fußball nur noch eine Quartalserscheinung zu sein. Die Eskapaden am „Schlucksee“ (Motto des Trainingslagers der deutschen Elf bei der WM 82) sind nicht nur unter und nicht erst seit Jürgen Klinsmann undenkbar. Doch als Trainer einer hessischen A-Liga-Truppe muss ich weiterhin jeden Triumph der Frankfurter Eintracht (so selten Triumphe der Frankfurter Eintracht sind) fürchten, wenn am nächsten Tag ein Spiel ansteht.

Bleibt die Frage: Lernt man im Fußballverein das Saufen? Oder treffen und sammeln sich die Säufer im Fußballverein? Ich meine das ernster als es vielleicht klingt. Es könnte aber, zu Ende gedacht, zu einer bitteren Selbsterkenntnis führen.

#10 meiner Kolumne auf rund-magazin.de
Kommentare: 10
von Andreas Klausmann am 25.03.2007 um 09:41h

Ein vielschichtiges Thema, und wenig Platz für die Antwort. Deshalb Telegrammstil: 1. Die Untersuchungen von Herrn Brettschneider scheinen als Vergleichsgruppe wohl vorzugsweise ausgewählte Synchronschwimm-Equipen benutzt zu haben. Ich würde hingegen folgende Sportarten einer näheren Betrachtung empfehlen: Rugby, Sportkegeln, Segeln, Eishockey und Handball. Außerdem durfte ich einmal die Feierlichkeiten anläßlich einer an meinem Studienort stattfindenden Ruder-WM erleben und weiß seitdem, wie distinguierte Funktionäre und wotanshaft gebaute Weltklasse-Athleten aussehen, wenn sie zusammengesoffen sind, wie die Besenbinder.

2. Natürlich kennt jeder die Leidensgeschichten von Branko Zebec, auch bekannt als „der blaue Bock“, oder anderen, die den Abschied aus der Prominenz nicht verkrafteten. Jeder weiß aber auch, daß Harald Juhnke immer mit der Sucht kämpfte, daß nach Schätzungen Eingeweihter bis zu einem Fünftel aller Bundestagsreden in nicht mehr fahrtauglichem Zustand gehalten werden und bei vielen Showstars nur die Imagemaschinerie verhindert, daß ihre „Anhänglichkeit“ an legale oder illegale Rauschmittel ruchbar wird.

3.Der genannte Rechtsunterschied zwischen den Rauschmitteln läßt mich auch nichts Bigottes darin sehen, daß Vereinsfunktionäre Bier in den Clubräumen erlauben, weiße Pulver oder merkwürdig riechenden Tabak hingegen verpönen. Außerdem muß der wissenschaftlich ebenfalls anerkannte Unterschied zwischen kulturell akzeptierten und nicht akzeptierten Rauschmitteln beachtet werden.

4. Der Unterschied zwischen saufenden Berufsspielern und Kreisligakickern ist der gleiche, wie der zwischen Verkehrspiloten und Modellbauenthusiasten. Der Eine beschädigt seine Berufstauglichkeit und ggf. den Ruf seines Arbeitgebers; der Andere geht seinem Hobby nach und erlaubt sich außer der schönsten Nebensache der Welt noch andere Vergnügungen. So sauer dies dem Trainer auch aufstößt, das ist das Wesen des Amateur- und Breitensports, diese Motivation trägt Hartplatzhelden.

von Christian Metz am 26.03.2007 um 08:46h

Ich denke, sie haben den Text hier und da zu ernst genommen, Herr Klausmann.

von Andreas Klausmann am 26.03.2007 um 10:51h

Hallo, Herr Metz,

ich habe mich bemüht, Herrn Fritsch ernst zu nehmen. Zitat: "Ich meine das ernster als es vielleicht klingt. Es könnte aber, zu Ende gedacht, zu einer bitteren Selbsterkenntnis führen."

Etwaige Ironie ist tatsächlich unerkannt an mir vorbeigerauscht.

von Christian Metz am 26.03.2007 um 14:41h

Genau diesen letzten Satz hab ich als ironische Kehrtwendung gelesen, der die vorher geäußerte, nur scheinbare kritik ins Leere laufen lässt.

von Andreas Klausmann am 26.03.2007 um 16:30h

Tja, dann wird uns wohl nur Herr Fritsch mit einer Aussage darüber weiterhelfen können, wie ernst der Beitrag gemeint war.

Ich nämlich habe eher den bodenheizungsfreien Quadratmeter und die Erwähnung der "wirklichen" Tabubrüche für Satire gehalten, wurde aber angesichts des zitierten letzten Satzes denn doch wankend in meiner Auffassung.

von Oliver Fritsch am 27.03.2007 um 07:04h

Warum sollte man dem Autor die Deutungshoheit über seinen Text überlassen? Das Werk ist größer als der Künstler. ;-)

von Andreas Klausmann am 27.03.2007 um 08:51h

Aha, Herr Fritsch, JETZT kommen wir ihnen auf die Schliche!!

Sie planen offenbar eine Promotion in Gießen oder Marburg zum Thema

"Rezeptionspsychologische Aspekte ambivalenter Aussagen in neuen elektronischen Medien am Beispiel eines Amateursportweblogs"

Und wir sind die Versuchskarnickel, hm? ;-) DAS haben wir ja schon gern! Aber, zugegeben, ich habe schon albernere Dissertationen und weniger aufwendige Feldforschung gesehen, doch, doch....

von Oliver Fritsch am 27.03.2007 um 20:04h

Ach, ich erkläre so ungern meine eigenen Texte, weil ich das als Eingeständnis betrachte, dass ich mich nicht richtig ausgedrückt habe. Aber nun gut: Mit meinem letzten Satz will ich betonen, dass ich nicht als Großkritiker einer "Kultur" auftreten will und kann, dessen Teil ich bin und zu der ich hin und wieder beitrage.

von Peter Stahr am 02.04.2007 um 15:38h

Hallo Herr Fritsch, seitdem Sie sich als A-Liga-Trainer geoutet haben, sind Sie für mich vom Schreibtischtäter zum Praktiker geworden und damit geadelt. Ihre thematische Aussage würde ich gern differenzieren - natürlich hat der Kasten Bier (am besten vom Trainer nach einem Sieg) einen sozialen und rituellen Wert. Und ich denke, daß diese Rituale klar geregelt sind: es gibt eben keinen Kasten Wasser und auch keine Flasche Schnaps. Ab wann kann man vom Saufen sprechen - nach dem Stapeln des 2., 3. oder 10. Kastens? Zur Selbsterkenntnis würde ich vorschlagen, daß sich im Senioren-Fußball durchgängig Alkoholiker treffen. Alkoholiker definiert als solche, die regelmäßig Alkohol konsumieren. Eben das machen wir ja im (Amateur-)Fußball. Die Frage ist dann aber, wann dieser Alkoholismus für den Einzelnen vom sozial-positiven ins persönlich-negative umkippt. Wie bei allem im Leben geht es also um's Maß. Und eine positive soziale Gemeinschaft wird mit ihren labilen Charakteren an einem sinnvollen Maß arbeiten. Und sich darüber klar sein, daß sie gegenüber Kindern und Jugendlichen eine Vorbildfunktion hat. Mit dem Begriff des 'Saufens' sind Sie natürlich gleich auf die Ebene des Exzesshaften gegangen; ich kann mir aber nicht vorstellen, daß der Fußballkreis Gießen trotz der Nähe zu einer bekannten Brauerei negativ aus der Reihe fällt. Mein Problem im Spielbetrieb sind die Jungs, die nachts vorm Spiel unterwegs sind und dann so voll heimkommen, daß sie zum Spiel nur eingeschränkt spielfähig sind. Dann weiß man als deren Trainer, daß einem der Fußball-Gott harte und steinige Prüfungen bereitet. In diesem Sinne: erst kicken - dann trinken! Und Saufen nur bei großen Siegen...

von Timo Hoffmann am 02.04.2007 um 19:34h

Hallo zusammen, Zunächst muss ich sagen, ja Saufen ist Konformismus und es ist wirklich um einiges schwerer, wenn nicht sogar nur bis zu einem niedrigeren Grad möglich, im örtlichen Fussballverein in einer ländlichen Gegend akzeptiert zu werden, wenn man nicht an den, an das Spiel oder Training anschließenden Trinkgelagen teilnimmt und möglichst lange dort verweilt um mit jedem anderen Gast mindestens einmal eine frische Flasche Bier zu öffnen. Das obligatorische nach dem Spiel Bier (der Ausgang des Spiels tut nichts zur Sache) zu verweigern, würde zumeist wohl als geradezu rüpelhaft und unkollegial angesehen. Nicht mal die scheinheiligen Ausreden wie, "Ich muss noch fahren"; "Ich nehme Antibiotika" oder "Ich bin Moslem" wirken da rechtfertigend. Doch auch wenn die Gefahr des exzessiven Konsums in Jugendjahren nicht zu unterschätzen ist, muss ich sagen, dass der gemeinsame Konsum von Rauschmitteln verschiedener Arten in Gesellschaft deiner Mannschaftskameraden, neben den bekannten Wirkungen, das "Wir-Gefühl" ungemein verstärken kann. Nicht zuletzt wahrscheinlich, weil der Torschützenkönig dem beinharten Verteidiger (oder umgekehrt) seine Wertschätzung (ob sportlicher oder persönlicher Art) nur in einem Moment des Vollrausches, so emotional und ehrlich vermitteln kann, dass ein jeder der Beiden, wenn nicht für sich selbst, dann für den Anderen, auf dem Platz alles gibt. (Wer Zeichenfehler findet, darf sie behalten.)

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