Manche verliert man ans Leben

Die glorreiche Leistung der deutschen Handballer könnte die Kinder in die Hallen und die Handballklubs treiben, auch die Fußballvereine verzeichnen seit dem Sommer 2006 starken Zuwachs, ersten Schätzungen zufolge durchschnittlich rund zwanzig Prozent mehr Neuanmeldungen als sonst, wie Michael Schäfer vom Hessischen Fußball-Verband bestätigt. Um den jüngsten Nachwuchs muss sich der DFB keine Sorgen machen.

Doch das musste er nie. Eher geht im Verband seit rund zwanzig Jahren die Sorge über die konstante, als hoch empfundene Aussteigerquote während und nach der Pubertät um. Dafür macht der DFB auch die Trainer verantwortlich. Der Präsident des Westdeutschen Fußball- und Leichtathletikverbands Hermann Korfmacher mahnt, dass für die Bindung der Kinder an den Verein vor allem „die Qualität der Mannschaftsbetreuer“ entscheidend sei. Ein Dozent auf einem Trainerseminar, an dem ich kürzlich teilgenommen habe, erweckte den Eindruck, dass er daran glaubt, man benötige gute Jugendtrainer – und das Problem wäre behoben.

Aber ist das so einfach? Als Jugendtrainer habe ich folgende Erfahrung gemacht: Es gibt einige Kinder, die, auch wenn er ihnen noch so viel Spaß macht, schon im Alter von 11 Jahren wissen, dass sie mit 14 mit dem Fußball aufhören werden. Weil sie sich zum Beispiel dann aufs Klavier- oder Tennisspielen verlegen wollen. Aber auch denjenigen, die ihre Kindheit weniger rational geplant haben, läuft irgendwann ein Mädchen über den Weg. Es soll sogar Jugendliche geben, die sich irgendwann auf Schule und Beruf konzentrieren. Da kann man sich noch so sehr an die DFB-Pläne halten und noch so viele Elternabende und Mannschaftsfahrten organisieren.

Eine Qualitätsoffensive des DFB in der Trainerausbildung ist natürlich zu billigen, auch die Aufforderung, mit harmonischer und intelligenter Pädagogik die Zöglinge möglichst lebenslang an den Verein und den Fußball zu binden. Die Ausbilder des Verbands sind Gottseidank darum bemüht, den Jugendtrainern, oft Ehrenamtliche oder Eltern, das 50er-Jahre-Training auszutreiben: also die Ausbildung reiner Manndecker, die die Mittellinie nicht überqueren dürfen; Konditionsbolzen für 8jährige; Torschuss-Schlangen, bei denen jeder Spieler alle fünf Minuten mal drankommt. Stattdessen fordert der DFB Spiel- und Balltraining und eine allgemeine taktische Ausbildung sowie ab der D-Jugend (etwa 10-12jährigen) die Hinwendung zu Spielsystemen mit Raumdeckung. Bestens!

Aber selbst die Trainer, die viel und alles richtig machen, sind nicht davor gefeit, dass ihnen Kinder, um die sich sehr bemüht haben, von heute auf morgen Adieu sagen. Warum also nicht mal den Befund, dass wesentlich mehr Kinder als Erwachsene Fußball spielen, gegen den Strich lesen? Denken wir uns einfach, Fußball wäre ein Kinderspiel, ein Spiel für Kinder. Erklärenswert wäre demnach, warum überhaupt so viele Volljährige nach der Erlangung der sittlichen Reife weiter Bällen hinterher jagen. Das ist keine Aufforderung dazu, alles einfach hinzunehmen. Diese Haltung schützt jedoch vor Enttäuschungen. Betrachten wir Trainer also jeden, den wir bis in die Erste und Zweite Mannschaft durchbringen, als Erfolg und nicht jeden, den wir ans Leben verlieren, als Misserfolg!

#4 meiner Kolumne auf rund-magazin.de
Kommentare: 5
von scorer am 10.02.2007 um 17:13h

Natürlich gibt es ungezählte Gründe, sich vom Fußball zu verabschieden, und nicht alle, aber die meisten werden "Manuela" oder so heißen ;-)

Um etwas Stabilität hineinzubringen, ist neben zeit- und altersgemäßem Training vor allem wichtig, daß ein Mannschaftsgeist geformt wird, der über das Spielfeld hinausgeht. Wenn man, wie ich, im Kohlenpott der 60-er Jahre gegenüber einem Fußballplatz aufgewachsen ist, dann war völlig klar, daß praktisch alle Nachbarsjungen auch im Verein waren und daß die Leute, mit denen man in der Schüler zusammenspielte, auch die sein würden, mit denen man zusammen in der AH kloppen wird. Da der Fußball eben den Vorteil hat, die Kinder als erstes zu faszinieren, sollte man genau dieses Alleinstellungsmerkmal auch nutzen. Also: Die Kinder spielen lassen und die Mannschaften zusammenhalten. Es macht nicht viel Sinn, einen guten C-Jugendspieler schon in der B-Jugend spielen zu lassen, nur, weil die B dann vielleicht Dritter statt Vierter wird. Der C ist nämlich dabei etwas wegenommen worden, was wichtiger ist.

von Lüder Hoppe am 11.02.2007 um 16:37h

Das Problem der "Aussteiger" ist sehr vielschichtig. Demografische Entwicklung, Trendsportarten, aber vor allem die veränderte Sportwahrnehmung sind hier die meistgenannten Faktoren. Behält man im Hinterkopf, dass gegenwärtig nur 15,2% des Sport "im Verein" stattfindet, dann relativiert sich Einiges. Viele Menschen machen in der Lebensphase Berufseinstieg eine Sportpause. Wenn es dann zum sportlichen Wiedereinstieg kommt, dann ist König Fußball für viele zu zeitintensiv und verletzungsträchtig. Der Ansatz des DFB über die Trainerausbildung die Aussteigerquote zu senken ist sicherlich eine Möglichkeit von mehreren. Um aber wirklich viele Menschen wieder auf den Sportplatz zu bekommen bedarf es einiger grundlegender Änderungen. Die kommerziellen Anbieter machen klar wohin die Reise geht: kleine Felder, kleine Mannschaften, viel Geselligkeit und hohe Flexibilität. Das kommt an, zur Zeit.

Ich habe mir darüber schon einige Gedanken gemacht und unter der folgenden Adresse niedergeschrieben: http://www.buero-hoppe.de/demografie-sportplatz.htm

von Peter Stahr am 12.02.2007 um 18:12h

Sehr geehrter Herr Fritsch, vor Wochen gingen unsere Meinungen beim Thema 'Passfreigabe' noch auseinander; dieses Mal muß ich Ihnen uneingeschränkt zustimmen. Und mit dem Titel sind Sie m.E. sogar in eine literarische Dimension vorgestoßen. Darüber hinaus denke ich, daß Fußball nicht in erster Linie eine Technik, sondern eine Lebens-Haltung ist. Die sehe ich auch bei anderen Mannschaftssportarten, freilich ist der Fußball weltweit die sportliche Leitkultur. Aber erst, wenn wir den Fußball im Sinne Ihrer 'Hartplatzhelden' als unser Spiel begreifen und in den Vereinen nicht verbissen die Bundesliga kopiert wird, kommen wir von den Defizit-Zuschreibungen weg. Sind die guten Kicker nicht oft die größten Soziopathen? Manche verlieren wir ans Leben - aber wenn wir sie mit der Erfahrung ans Leben verlieren, daß es viel größer ist, ein Tor aufzulegen als zu schießen: wie lebenswert könnte unsere Gesellschaft sein. Oder um es noch pathetischer mit Camus auszudrücken: 'Alles, was ich über Moral und die Pflicht als Mann weiß, verdanke ich dem Fußball'.

von Patrick am 13.02.2007 um 08:07h

Ich bin Musikstudent und wollte nur kurz anmerken, dass auch bei uns viele der sogenannten Wunderkinder, die bereits mit 12 im Pre-College studieren und neben der Schule her beim Professor unterricht bekommen (als Jungstudenten...was ebenso wie das spätere Stdium nur nach bewältigung einer schweren Prüfung und dem schlagen der guten Konkurrenz möglich ist) zwischen 14 und 19 aufhören und etwas anderes machen - oder eben Musiklehrer studieren. Manchmal erlischt einfach der Drang, es kommen andere Sachen dazwischen oder das Risiko scheint zu hoch. Manche haben eben doch lieber eine etwas größere Sicherheit. Ebenso wie einem Fussballer EINE Verletzung alles kaputt machen kann ist das ja bei Musikern auch.

Und sein wie mal ehrlich: 8 Stunden üben am Tag, 6 mal die Woche ist auch nicht immer ein Spaß...

von Thorsten Ortmann am 15.02.2007 um 08:02h

Das Problem des Kinderfußballs liegt an der Seitenlinie und dahinter.Es ist kein Bolzplatzspaß mehr- besonders im Jungenbereich steht die Leistung sehr im Vordergrund. - Die Eltern tragen den Ehrgeiz in die Mannschaft.Sie sind die Manager und Beschützer des Einzelkindes und es wird im G-Jugendbereich schon spekuliert, welches Kind es in welche Klasse schaffen könnte. Durch die Eltern erhält ein Sieg eine zu hohe Bedeutung- das Spiel der Kinder ist zu ihrem Spiel geworden ( Mein Auto,mein Haus,mein Mittelstürmer). -Die Trainer lassen sich häufig vereinnahmen von dieser Sicht und setzen in den Punktspielen nur die spielstärksten Kinder ein. Die durchschnittlich Begabten werden weniger gefördert und haben als 12-Jährige den Anschluß zur ersten oder 2. Mannschaft verloren.Eine neue Sportart bitet ihnen jetzt die Möglichkeit, Erfolge einzufahren. Allerdings möchte ich die Trainerschelte nicht zu scharf verstanden wisen: Durch den beständigen Zustrom von fußballwilligen Kindern ist ein großer Mangel an Trainern und Betreuern entstanden. A-Jugendliche übernehmen die Trainerposten für die G-Jugend. E sist schon für mich als Anfang 40er ein Problem, vor 10 Vätern zu stehen und ihnen den Sinn zu erklären, warum alle Kinder spielen sollen, auch wenn die Ergebnisse dann nicht so doll mehr sind. Ein 17-Jähriger hat nur wenig Möglichkeiten, diesem Druck standzuhalten.

Der Verband hat die Aktion Ehrenamt ins Leben gerufen- sehr gut- aber anstatt junge Trainer mit Auszeichnungen den Rücken zu stärken, sieht man wieder nur 60-Jährige mit Zinnschale unter den Ausgezeichneten.. Ich würd mir mehr Stütze für die Jungtrainer wünschen!

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